Ich erzähle hier eine Geschichte in drei verschiedenen Zeiten

Die Protagonisten ( Hauptfiguren) sind Ludwig und Joshua aus Ostberlin

Ananas des Anstoßes

I

Ludwig nahm sich den Käse aus dem Regal, drückte ihn wie gewohnt und legte ihn in den Einkaufswagen. Dann ging er zur Kasse und blieb mitten in der Bewegung stehen. Er fühlte sich wie gelähmt. Er schluckte. Sein Freund aus alten Schultagen stand mitten im Laden. Joshua. War er es wirklich? Er sah verändert aus. Ludwig sah einen äußerst dicken Mann in einem Rollstuhl, der sich Gemüse auf den Schoß legte. Er trug einen Brustbeutel bei sich. Sowas hat er früher bei seiner Oma belächelt. Das letzte Mal hatten Ludwig Joshua auf der Abiturfeier gesehen. Joshua das Sportass. Joshua der Freund aus einer längst vergangenen Zeit. Damals waren beide unzertrennlich gewesen. Wirklich? Nein, nur bis zur Abiturfeier. Da war das mit Silvia gewesen. Eigentlich war Silvia Ludwigs Freundin gewesen. Doch irgendwie hatte Joshua es geschafft, mit ihr zusammen zu kommen. Am Tag nach der Feier war es Aus mit der Freundschaft gewesen. Beide hatten sich fürchterlich geprügelt gehabt. Beide waren Verlierer gewesen. Heute sah Ludwig Joshua wieder. Er war es wirklich. Ohne Einkaufswagen, ohne Käse verließ Ludwig den Laden.

II

„Joshua bist du das?“

„Du stehst im Weg, ich muss an das Regal.“

„Warte, ich gebe dir , was du brauchst. Ich helfe dir.“

„Okay, Kumpel, die Gurke da oben,und dann geh mir aus dem Weg!“

„Erkennst du mich nicht? Ludwig.“ Ludwig wies mit dem Finger auf seine Brust.

„Weiß ich doch.Gib die Gurke her.“

„Hier, bitteschön.“

„So höflich warst du nicht immer.“

„Was ist los, willst du mich nicht mehr kennen? Weißt du noch früher?“

„Früher, früher da bin ich mit dir im Stadion die Runden gelaufen.“

„Du warst immer schneller als ich.“

„Ja, und beim Abiball war ich auch schneller gewesen.“

„Ach, die Geschichte. Laß mal, Joshi.“

„Nee, warum denn? Silvia war doch recht süß.“

„Sie hat uns auseinandergebracht, schon vergessen?“

„Nee, da hast du ganz allein schuld.“

„Wieso?“

„Sie fühlte sich von dir schlecht behandelt.“

„Ach so? Wart ihr eigentlich noch lange zusammen, du und Silvia?“

„Ph,nach der Prügelei ist sie zu Norbert gegangen.“

„Echt,der Pickelnorbert?“

„Tja, kannste mal sehen. Du kriegst auch nie was mit.“

„Und was hätte ich mitkriegen sollen?“

„Silvia hat uns gegeneinander ausgespielt. So eine war sie.“

„Was macht sie heute?“

„Keine Ahnung. Funkstille seit dem Abiball.“

„Wieso treffen wir uns im Supermarkt. Ich war übrigens gestern auch da. Ich habe aber erst heute Zeit gehabt, dich anzusprechen.“

„Ich weiß, du hattest es sehr eilig.“ Joshua gluckst.

„Wohnst du hier in der Nähe?“

„Ja, seit Kurzem.“

III

Ludwig beobachtete Joshua in seinem Rollstuhl, wie er mit einer Greifzange nach einer Ananas langte. Joshua, der Sportlichste von ihnen konnte heute nur noch mit der Greifzange der Oma einkaufen. Dabei hatte Ludwig ihn immer so sehr bewundert.Er hatte das beste Abizeugnis, er hat die schönsten Frauen gekannt. Damals auf dem Abiball gab es auf der langen Tafel eine einzelne Ananas.Sie leuchtete förmlich, weil sie so etwas seltenes in diesem Land war. Joshua und Ludwig tranken Clubcola und warteten auf die Mädchen. Sie hatten sich ganz außerordentlich hübsch zurechtgemacht. Viele konnten ihre Kleider nach der Mode aus den Westzeitschriften von den Müttern nähen lassen oder waren anders kreativ. Niemand kam hier mit einem Kleid von der Jugendmode. Endlich betrat Silvia den Saal. Ihr braunes Haar hochgesteckt. Das Kleid mit gepufften Ärmeln reichte ihr gerade bis kurz über die Knie. Die weissen Stöckelschuhe betonten ihre schlanken Beine. Ludwig war stolz auf seine Freundin.

Doch Silvia ging nicht zu ihm, sondern direkt auf Joshua zu. Sie würdigte Ludwig keines Blickes. Keck trank sie aus Joshuas Colaflasche. Dann zog sie ihn auf die Tanzfläche.

Ludwig drehte sich zunächst um, betrachtete die Tafel mit der weißen Tischdecke. Erst vorsichtig, dann immer kräftiger zog er an dem Stoff. Die ersten Teller und Tassen schepperten laut, als sie auf den Boden knallten. Endlich hatte Ludwig die Ananas erwischt. Neugierig standen schon die ersten Mitschüler um ihn herum. Sie begannen ihn grölend anzufeuern. Erwachsene schrien entsetzt. Ludwig umfasste diese Ananas, die Frucht ,die irgendjemand in diese ostberliner Abiturfeier gebracht hatte wie einen Rugby. Er holte aus und zielte auf Joshuas Kopf. Die Ananas flog. Sie eierte, entschied sich den Kurs zu ändern und traf Joshua am Bein. Augenblicklich erstarrte Joshua im Tanz, suchte mit den Augen den Werfer. Er stürmte augenblicklich los, warf sich mit einem heiseren Schrei auf seinen besten Freund.

Ludwig sieht Joshua mit der Ananas in der Hand vor ihm im Rollstuhl sitzen. Er kramt gerade Kleingeld aus dem Brustbeutel. Warum kauft der Kerl heute eine Ananas?, überlegt Ludwig.